Aufzeichnungen eines Abenteuers - Bündnis-Schmiede

7. Tag: Die Geröllhänge des Ard Sean

Idris erwachte am nächsten Tag mit einem Kribbeln an seinem ganzen Körper. Die Ginthorwuzelsalbe tat immer noch ihre Wirkung und der Schlaf hatte ihn zusätzlich erquickt. Menowin strömte Zuversicht aus. Vielleicht würden sie heute Nachmittag bereits in Tulach Der einkehren. Sie schulterten das Boot und trugen es bis zum Abhang. Dann begannen sie mit dem Abstieg. Vorsichtig setzten sie einen Fuß vor den anderen.

Doch plötzlich geriet Idris, der hinten lief, ins Wanken. Ein vermeintlich sicherer Stein unter seinem Fuß rutschte zu Seite und der Fährtensucher musste das Boot loslassen, um nicht kopfüber den Hang herab zu rollen. Menowin, vom plötzlichen Gewicht des Kanus überrascht, konnte diesem in seiner beginnenden Fahrt nichts entgegensetzten. Im letzten Augenblick warf er sich zur Seite, um nicht vom Boot überrollt zu werden. Mit einer Hand hielt er sich jedoch an der Reling fest, fasste nach und rollte sich mit elfengleicher Eleganz ins Boot. Doch dessen Sturzfahrt den Abhang herab war nicht mehr aufzuhalten.

Ohnmächtig beobachtete Idris, wie das Kanu mitsamt seinem Begleiter auf dem fremden Untergrund immer schneller den Hügel herabschlidderte. Direkt auf eine Gruppe kleiner Felsen zu. Verzweifelt versuchte der Barde im Kanu, die Fahrt durch die Verlagerung seines Körpergewichts zu verändern. Doch vergeblich. Das Kanu krachte mitten in die Felsen und zerbarst in tausend Teile. Der Barde wurde durch eine glückliche Fügung über die Steine hinweg geschleudert und stürzte auf der anderen Seite zu Boden. Unverletzt aber mit brummendem Schädel rappelte er sich wieder auf.

Idris war unterdessen den Hügel herabgelaufen. Zusammen schauten sie sich den Schaden an. Die Truhe selbst hatte nichts abbekommen. Vom Kanu aber war nicht viel übrig. Was sollten sie nun tun? Die Truhe auf dem Landweg nach Tulach Der zu bringen, würde eine Verzögerung von mehr als zwei Tagen bedeuten. Während sie sich daran machten, ihr verstreutes Hab und Gut aufzusammeln, kam dem Fährtensucher eine Idee. Als Kind hatte er einmal mit einigen anderen ein Floß gebaut und sie waren damit über Tage hinweg in der Nähe von Beag Beans auf dem Tra Bruach unterwegs gewesen. Vielleicht konnte sie nun abermals eines bauen. Menowin ließ ein Lied erklingen, das ihre handwerklichen Fähigkeiten erhöhte und sie machten sich daran, den Plan in die Tat umzusetzen. Da sie kein Beil mehr besaßen, benutzten sie ihre Schwerter, um kleinere Bäume zu fällen, banden die Stämme mit den letzten Reste ihres Seils und einige Weidenflechten zusammen und am Ende des Tages hatten sie wirklich ein kleines Floß gebaut. Gezeichnet von den Strapazen der letzten Tage schlossen sie am Abend die Augen.

8. Tag: Ankunft in Tulach Der

Früh am nächsten Morgen ließen sie das Floß zu Wasser. Und wirklich, es schwamm. Sie verbrachten ihr weniges Hab und Gut auf das neue Gefährt und banden die Kiste mit den Geschenken fest. Dann stachen sie in See. Die Paddel ihres Kanus hatten sie mitgenommen.

Der Tag war grau und bewölkt, doch die umgebende Landschaft leuchtete in einem umso frischeren Grün. Kopfweiden stand hier zu beiden Seiten des Flusses und ihre Triebe ragten hier und da ins Wasser. Der Fluss war gutmütig, breit und träge. Sie hatten keine Schwierigkeiten, den Kurs ihres Gefährtes zu halten.

Mehr als einmal glaubten die beiden, Dächer zwischen den Bäumen hervorragen zu sehen, doch waren sie kurz vor dem Ziel und wollten die Reise nicht noch unnötig unterbrechen. Gegen Mittag dann sahen sie die Brücke. Idris hatte in seinem Leben noch keine Brücke aus Stein gesehen und diese hier überspannte den gesamten Fluss. In der Mitte gab es ein festes Fundament, auf der die Brücke ruhte. Sie war so breit, dass zwei Fuhrwerke bequem aneinander vorbei fahren konnten und recht hoch. Das war die alte Brücke von Tulach Der. Das Dorf und damit das Ziel ihrer Reise musste sich in unmittelbarer Nähe befinden. Von neuer Zuversicht beflügelt, erhöhten sie ihr Tempo, nur um kurz darauf inne zu halten.

Sie waren noch etwa zwanzig Meter von der Brücke entfernt, als der Elf mit seinen besseren Augen erkannte, was im Halbdunkel des Brückenbogens auf sie wartete. Zwischen diesem spannten sich Spinnenfäden von enormem Durchmesser. Dann erblickte Menowin den Urheber. Eine eklige, schwarze Riesenspinne hing im Halbschatten des steinernen Bogens. Unzweifelhaft wartete sie auf unvorsichtige Fluss-Reisende, die sie ohne Zweifel einspinnen und aussaugen würde. Idris schüttelte sich vor Ekel, als der Barde ihm zeigte, was dort auf sie lauerte.

Schnell manövrierten sie das Floß ans Ufer, bevor sie die Brücke vollends erreicht hatten und entschlossen sich, die letzte Wegstrecke zur Fuß zurückzulegen.

Die Kiste zwischen sich, durchschritten sie eine Stunde später das Haupttor der von einem weitläufigen Wall umfriedeten Siedlung. Vier Sippen hatten Tulach Der ursprünglich gegründet und ihre befestigten Gehöfte standen an den Rändern des Dorfs. Im Zentrum standen einige eng beieinander stehende Fachwerkhäuser um einen kleinen Dorfplatz. Gleich auf Anhieb fielen Idris eine Taverne und einige Händler auf. Auch ein kleiner, steinerner Tempel des Chorak, des Gottes des Krieges ragte zwischen den Gebäuden auf. Auf den freien Flächen zwischen den Häusern und den Gehöften betrieben die Bewohner Ackerbau oder hielten Schafe und Rinder auf kleinen Koppeln.

Die beiden fragten einen der Dorfbewohner nach Seanagh Gerlot und kurz darauf fanden sie sich am Eingangstor eines der befestigten Gehöfte wieder. Ihre Arme, die die Kiste umklammert hielten, wurden lang und länger. Aber all das spürte Idris nicht. Was er spürte was ein berauschendes Kribbeln kurz über seiner Magengegend.

Er hatte es geschafft! Sie hatten es geschafft, dachte er mit einem Seitenblick auf seinen Begleiter. Ohne die beständige Hilfe, Unterstützung und magischen Lieder des Barden, wäre er spätestens nach der Hälfte der Strecke mit dem Bauch nach oben im Fluss getrieben. Mit einem Mal wurde Idris in seinen Gedanken unterbrochen. Sie hatten die Glocke am Tor geläutet und gewartet, ob man ihnen öffnen würde. Nun hörten sie das typische Klackern und Rattern eines sich öffnenden Schlosses und im nächsten Augenblick standen sie vor einem hünenhaften Nordmann, der sie mit konsterniertem Gesichtsausdruck betrachtete.

„Seid gegrüßt. Die Götter mit Euch. Seid Ihr mit einem Kanu unterwegs?“, fragte der Mann schließlich nach einer kleinen Weile und deutete mit einem Kopfnicken auf die Paddel, die ein jeder der beiden immer noch in seiner freien Hand trug.

Schweigend schauten die beiden sich kurz an und schüttelten dann betreten den Kopf.

„Was führt Euch an meine Pforte und was möchtet Ihr von mir?

Mit schweren Armen hoben Idris und Menowin die Kiste an, die sie in den letzten sieben Tagen wie ihren Augapfel gehütet hatten.

„Der Inhalt der Kiste ist für Euch.“, sagte Idris mit heiserer Stimme.

„Es hat uns einiges gekostet, ihn hierher zu transportierten. Wenn Ihr erlaubt, erklären wir es Euch drinnen“.

Mit einem interessierten Gesichtsausdruck bat Seanagh sie herein…

Ende