Und so war es auch. Als sich die Sonne dem Horizont zuzuneigen begann, kam Ildrea in Sicht. Eine wunderschöne Stadt, die in der untergehenden Sonne orange glühte. Am Tage strahlte sie in blendenden weiß, denn die normalen Häuser waren mit dem ortsüblichen weißen Kalkputz versehen, während die wichtigen Gebäude mit weißem Marmor verkleidet waren. So erhoben sich über dem Gewirr der Dächer die wuchtige Masse des Gouverneurspalastes und die schlanken Türme der Unniversität, sowie dicht daneben die der großen Bibliothek ganz in eben jenes Baumaterial gehüllt.
Obwohl die Stunde schon vorgerückt war, herrschte am Hafen noch reges treiben und so suchte sich die Kapitänin sehr vorsichtig ihren Weg durch den gut besuchten Hafen zu einem unauffälligen Liegeplatz verborgen hinter einigen weit größeren Schiffen. Trotzdem war ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben und es waren die Taue noch nicht einmal richtig festgezurrt, als auch schon der hiesige Hafenmeister mit einer Abteilung der Stadtwache am Pier auftauchte. Man spührte förmlich, wie die Stimmung der Mannschaft beim Ablick einer Abteilung Bewaffneter sankt. Genauso konnte man zusehen wie die Stimmung der Soldaten beim Anblick der vierschrötigen Seemänner sank. Und so war die Stimmung ein wenig gereizt, als Hafenmeister und Stadtwache an Bord kamen. Nach den üblichen Fragen nach Schiffsname, Heimathafen und solch belangloses Zeug, kamen dann die empfindlichen Fragen.
“Und unter welcher Flagge segelt ihr?”
“Unter welcher auch immer der werte Herr Gouverneur wünscht.” lächelte die Kapitänin, woraufhin der Hafenmeister erstaunt die Augenbrauen hochzog. Dianthe holte eine Urkunde aus einem Beutel an ihrem Gürtel hervor. “Das sollte eure weiteren Fragen beantworten.” Mit diesen Worten reichte sie ihm die Urkunde zur Inspektion. Diese Urkunde war der Grund gewesen, warum sie Feng so gut hatte ignorieren können. Sie brauchte keinen Fälscher, denn sie hatte einen echten Kaperbrief, der ihr sogar erlaubte in Ildreanischen Gewässern unter beliebiger Flagge zu segeln, das aufbringen von Schiffen aber auf die aktuellen Feinde Ildreas beschränkte. Der Hafenmeister prüfte das Dokument sorgfältig, Siegel, Wasserzeichen, Papier, Handschrift, alles betrachtete er genau.
“Trotzdem muss ich euch nach euren Geschäften fragen und die Liegegebühr einfordern.” grummelte er dann und gab Dianthe den Brief zurück.
“Ich möchte ein paar Nachforschungen in der Bibliothek anstellen, mehr nicht.” Dianthe überreichte ihm ein kleines Geldsäckchen. Der Hafenmeister warf einen kurzen Blick in das Säckchen und nickte zufireden. “Dann wünsche ich einen schönen Aufenthalt in Ildrea.” Damit wandte sich der Hafenmeister zum Gehen und bedeutete der Stadtwache ihm zu folgen. Der Hauptmann sah so aus, als wolle er noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. Als er schon fast von Bord war, drehte sich der Hafenmeister noch einmal um. “Ich werde eure Ankunft an den Gouverneur weiterleiten. Ich würde an eurer Stelle damit rechnen, eine Einladung zu erhalten, es scheint Probleme in der Nähe auf einer der Handelsrouten zu geben.” Danach zogen die Ildreaner endgültig ab.
“So Männer, wie versprochen gibt es den Abend frei und weil der Aufenthalt in Geredith so kurz war, auch noch den nächsten Tag. Ich muss noch ein paar persönliche Sachen erledigen und werde mir anhören, was der Gouverneur im Zweifelsfall zu sagen hat, dann werden wir beratschlagen, was wir tun werden. Also, am übernächsten Morgen versammelt euch alle wieder hier, bis dahin Minimalbesetzung und Standardrotation. Rubinya ist diesmal noch wachfrei, weil sie zu wenig Erfahrung hat. Wir werden das übermorgen ebenfalls diskutieren. Und wer die Freirunde haben möchte, kommt mit Zum Goldenen Anker, der Rest kann machen was will, nur keinen Ärger, verstanden?” Dann wendet sie sich noch einmal gesondert an den Magister und Rubinya. “Ihr könnt auch auf dem Schiff bleiben oder euch ein Gasthaus nach euren Wünschen suchen, wie ihr wünscht. Magister, ich würde euch morgen vielleicht schon in der Bibliothek vorstellen, damit ihr schnellstmöglich mit den Nachforschungen zu dem Kästchen beginnen könnt. Teilt mir einfach über den Kommunikatinszauber mit, wo ich euch morgen früh finde.” Nach diesen Worten macht sie sich auf in die ildreanische Nacht, den Großteil der Mannschaft im Schlepptau, die sich nun auf ihre Runde Freigetränke freuen.
Der Goldene Anker war eine recht große und für einen Hafen ziemlich feine Taverne. Das dreistöckige Gebäude war sehr gut in Schuss, hübsch verputzt und für eine Taverne sehr sauber. Die Dielen des Gastraumes waren blankgeputzt, die Stühle gepolstert und die Tische aus gutem stabilen Holz. Trotzdem waren die Preise nicht zu hoch und so war die Taverne immer gut mit Seeleuten gefüllt. Es spielte Musik und es wurde gesungen und gelacht, auch gab es gelegentlich eine Rauferei, aber niemald würde die Einrichtung dafür benutzen, denn dann riskierte man ernsthaften Ärger mit dem Wirt und der war noch keinem gut bekommen.
Dianthe bestellte ein Fass Rum und ein Fass Bier für ihre Mannschaft, die daraufhin gut gekaunt eine Ecke der Taverne für sich in Beschlag nahm. Dann machte sie einen kleine Runde durch die Taverne und fragte einige ihr besser bekannte andere Kapitäne nach ihrem Befinden und ihren Geschäften. Dem genauen Beobachter wärde aufgefallen, dass sie ein klein wenig hibbelig war und öfter mal zur Tür schaute. Nach einer Weile wurde die Tür schwungvoll aufgerissen und mit einem kalten Windstoß trat ein gutaussehender Herr unbestimmten Alters ein. Er sah verwegen und abenteuerlustig aus, ein ziemlich windiger Typ eben. Das war er ja auch, nicht nur ein windiger Typ, sondern ein Wind und das in Menschengestalt. Schließlich hatte Trition sich mit Dianthe verabredet. Er winkte ihr vergnügt zu. Wie auf eine Eingebung hin fingen die Musiker an, ein bestimmtes Lied zu singen und während er noch seine Sachen ablegte, fing Trition schon an singen. Daraufhin schnappte sich Dianthe einen Weinbecher von einer Kellnerin und stimmte in das Lied mit ein, während sie sich ihren Weg zu Trition bahnte.
https://www.youtube.com/watch?v=beXW5s3ZCB4
Der für die Stimmung
https://www.youtube.com/watch?v=CK5MdsewTjM
Und der fürs ganze Lied zum anhören
Natürlich erregte es Aufsehen, als die beiden tatsächlich auf dem Tisch tanzten und die Stimmung in der Taverne war gut, aber es sollte für diesen Abend die einzige Darbietung der Kapitänin bleiben, denn bald zogen sich die beiden in ein Zimmer zurück um offensichtlich nicht nur den Abend sondern auch die Nacht miteinander zu verbringen.