Ich glaube, hier wird oft etwas vermischt.
Die Frage ist für mich gar nicht, ob jemand grundsätzlich in der Lage ist, einen Charakter eines anderen Geschlechts zu spielen. Natürlich kann man das. Genauso wie wir Elfen, Zwerge, Wikinger, Samurai oder Raumfahrer spielen können.
Als langjähriger Spielleiter sehe ich das Thema aber eher aus einer anderen Richtung.
Eine Spielrunde ist kein Soloprojekt einer einzelnen Person. Sie besteht aus mehreren Menschen, die gemeinsam eine Geschichte erleben wollen. Und die Spielleitung sitzt dabei in einer besonderen Position, weil sie nicht nur einen Charakter spielt, sondern die gesamte Welt, alle NSCs und oft auch einen großen Teil der sozialen Dynamik am Tisch mittragen muss.
Wenn ein Spielleiter oder eine Spielleiterin sagt, dass er oder sie mit Cross-Gender-Charakteren Schwierigkeiten hat oder sie an diesem Tisch nicht möchte, muss das nicht automatisch bedeuten, dass dahinter eine grundsätzliche Ablehnung, Sexismus oder der Wunsch steht, anderen die darstellerische Freiheit zu nehmen. Manchmal bedeutet es schlicht: Diese Person kennt den eigenen Stil, die eigenen Grenzen oder hat vielleicht auch schon erlebt, dass genau aus solchen Konzepten am Tisch Probleme entstanden sind.
Ich habe in vielen Jahren als Spielleiter Charakterkonzepte erlebt, die auf dem Papier großartig klangen, am Tisch aber nicht funktioniert haben. Nicht unbedingt, weil die Spielerinnen oder Spieler schlechte Absichten hatten, sondern weil bestimmte Themen mehr Aufmerksamkeit, mehr Diskussionen oder mehr Missverständnisse erzeugt haben als andere.
Deshalb sehe ich die Frage weniger als philosophische Debatte über Kunstfreiheit und mehr als Frage des Spielstils.
Jede Spielleitung hat Dinge, die sie besonders gut kann, und Dinge, die sie lieber vermeidet. Die eine Person leitet keine Horror-Kampagnen. Die nächste möchte keine Evil-Gruppen. Wieder jemand anderes möchte keine romantischen Beziehungen zwischen Spielercharakteren. Und manche möchten eben kein Cross-Gender-Play in ihrer Runde.
Für mich ist das erst einmal kein Zeichen von Rückständigkeit oder mangelnder Kreativität, sondern schlicht eine Entscheidung darüber, welche Art von Runde man leiten möchte.
Am Ende muss niemand an einem Tisch spielen, dessen Stil ihm oder ihr nicht gefällt. Aber genauso wenig muss eine Spielleitung jede denkbare Charakteridee zulassen, nur weil sie theoretisch möglich wäre.
Für mich zählt deshalb nicht nur, ob etwas grundsätzlich möglich ist. Entscheidend ist, ob es für die konkrete Runde funktioniert. Und zu dieser Runde gehören eben alle: Spielerinnen, Spieler, Spielleiter und Spielleiterinnen. Am Ende sollte sich jeder Mensch am Spieltisch wohlfühlen – nicht nur die Spielenden, sondern auch die Person, die die Runde leitet.