Sitzung 166 - Der Hinterhalt
Die Sonne war kaum noch zu sehen, als wir uns im lichten Birkenwald niedergelassen hatten. Dennoch war es immer noch sehr warm. Die Luft war feucht und setzte sich auf den Moosen und Farnen zu kleinen Tropfen fest. Das junge Mädchen Kara hatte sich zu mir gesetzt und ich fing an ihr die einzelnen Buchstaben und Wörter zu erklären. Ich hatte mir dafür das Buch „Die Geheimnisse der Jägerskunst“ ausgesucht. Wenn sie schon etwas aus dem Buch verstand, wird es für sie sicher hilfreich sein. Doch der rot-blonde Haarschopf drehte sich immer nach hinten. Dort stand ihr Bruder Jorig vor Belkor. Der Söldner hatte seine grünlich schimmernde Klinge beiseitegelegt und stattdessen einen Stock in die Hand genommen. Damit ging er auf Jorig los. Der Junge sollte den Stock dann mit dem Langschwert parieren. Belkor verpasste ihm dabei den ein oder anderen blauen Fleck, aber Jorig war gierig und gab nicht auf. Kara grinste dabei, doch ich drehte ihren Kopf wieder ins Buch zurück. Ihre Geschicke sollten anderswo liegen.
Plötzlich erstarrte jeder in seinen Bewegungen, als von der Anhöhe des Waldes das Heulen von Kreaturen ertönte. Halbohr hockte auf den beiden zusammengewachsenen Bäumen, doch er zeigte nicht nur in Richtung des Heulens. Weitere Kreaturen näherten sich, jedoch leise und heimlich. Sie umzingelten uns. Schnell verschwanden die Kinder wieder in den Dimensionsbeutel und wir machten uns bereit. Gerade noch rechtzeitig, denn schon als wir uns positionierten sprangen aus der Dunkelheit des Waldes Kreaturen auf uns. Monströse Hunde tauchten im Licht des Feuers auf, die mir bestimmt bis zur Brust reichten. Über ihre Lefzen floss Geifer und der Gestank der verwesten letzten Beute kroch aus ihren Rachen. Die ersten warfen sich auf mich und versuchten mich zu Boden zu drücken. Ich konnte zwar ausweichen, dennoch spürte ich die Kraft der Pfoten auf meiner Brust. Doch meine Klinge war schneller, fast als ob sie ein Eigenleben hätte. Der Stahl schnitt dem ersten Hund die Kehle durch und dem zweiten den Bauch. Barghs Klinge Glimringshert flammte auf als er sie nach den Kreaturen hieb. Das kurze Licht der Flammen warf tiefe Schatten um uns herum als es in das Fleisch der Hunde schnitt. Auch Halbohr war nicht untätig, er schleuderte vom Baum seine Dolche nach den Kreaturen womit er auch eine erlegte. So töteten wir eine nach der anderen. Der Stahl von Belkors Schwert glühte grün auf, als er mit einem sauberen Schnitt einem der Hunde den Kopf abschnitt. Wir hielten kurz inne und lauschten in den Wald hinein. Halbohr sagte, er könne noch Geräusche weiterer Pfoten hören, doch sie entfernten sich. Kein Heulen war mehr zu hören. Fürs erste hatten wir sie vertrieben. Zufällig sah ich, dass all diese Kreaturen ein Brandmal auf der Stirn hatten. Ein Panzerhandschuh der drei Fackeln wie ein Kandelaber hielt. Es hatte Ähnlichkeiten mit dem Symbol, was die Anhänger dieses lächerlichen Gottes Torm benutzten. Aber auch irgendwie anders. Auch anders als die Krieger, die auf der Insel vor Dreistadt in den heiligen Flammen verbrannt sind. Ich musste kurz schmunzeln als ich das Bild vor mir sah, wie ich damals die Lunte anzündete und der Turm in Flammen aufging.
Die Nacht verging und die Hunde kamen nicht wieder. Bargh war siegessicher. So siegessicher, dass er den Rest des sauren Weins austrank. Auch Jorig trank, zu viel für seinen kleinen Magen. Nachdem er das Wenige, was er gegessen hatte, von sich gab, schlief der Junge ein.
Der nächste Morgen war wieder warm und schwül. Zum Glück regnete es nicht. Dafür kamen die Mücken und Bremsen wieder. Vor allem an Halbohr und Belkor hatten sie Gefallen gefunden. Dicke Flatschen waren auf ihrer Haut und beide fingen an sie aufzukratzen. Belkor sogar so stark, dass eine blutende Wunde entstand, die mit der Zeit eine ungesunde Färbung bekam. Ich beschloss während des Weges weiter nach Farnen zu suchen. Ich hoffte nur, dass ich etwas finden würde, um sie einzukochen. Unsere Füße sahen nicht besser aus. Durch das ständige Wasser hatten sich tiefe Mulden auf der Haut gebildet. Und ich musste laufen, konnte mich nicht wieder auf Barghs Pferd setzen, mussten wir es doch zurücklassen.
So folgten wir dem Pfad weiter Richtung Osten, wo ich mir sicher war, dass in dieser Richtung Westwacht lag. Mehrere Tage durch Dreck und Matsch. Bargh hätte ruhig etwas von dem Wein übriglassen können. Aber selbstsüchtig, wie er war, hatte er alles alleine leer getrunken. Dann würde ich ihm auch nichts von dem Kraut gegen die Mücken geben. Sollten sie ihn doch auffressen. Das hätte er dann davon. Und zum Überfluss fing es auch wieder an zu regnen. Hoffentlich lohnt sich unser Ziel das Halbohr vorgeschlagen hatte. Wenn es wieder nur einer seiner verrückten Pläne ist der nicht aufgeht werde ich ihn opfern müssen. Zum Glück wurde das Land flacher, aber immer noch nasser Moorboden.
Nach mehreren Tagen ermüdender Wanderungen durch ein sumpfiges Waldland hatte es angefangen zu regnen. Wir waren nicht schnell vorangekommen. Wir gingen querfeldein. Oftmals mussten wir kleinere Moorseen umgehen. Einen Weg oder eine Ortschaft hatten wir länger nicht bemerkt. Dann sahen wir hinter einer Kuppe im Wald eine Säule aus dunklem Rauch aufsteigen. Halbohr schlich alleine vor, um sich das anzuschauen. Als er schon fast nicht mehr zu sehen war, grinste Bargh mich an und fragte ob wir ihn alleine seinem Schicksal überlassen sollen. Ich grinste zurück und sagte: „Nein, lasst uns ihm folgen und zuschauen, wie er in sein eigenes Verderben rennt“. Das besserte meine Laune wieder etwas. Bargh mag ein Grobian sein, doch er weiß immer wieder mich aufzuheitern. Also folgten wir ihm und hatten ihn auch schon bald eingeholt. Er blickte ärgerlich zu uns, als Belkor mit seiner Rüstung alles andere als leise war. Irgendetwas murmelte er noch bevor er seinen Weg fortsetzte. Wir warteten auf der Kuppe und konnten unter uns ein Dorf sehen, das mit einem Palisadenwall umzogen war, der jedoch schon an einer Stelle die klaffende Öffnung eines Durchbruchs besaß. Der Rauch kam von den Häusern im Dorf. Die Torfdächer einiger Häuser standen in Flammen. Ich konnte das Wiehern von Pferden hören und das Schreien von Menschen.
Halbohr sah noch viel mehr. Er lugte durch die Lücken zwischen den Stämmen. Dort sah er einen Trupp von Kriegern. Sie trugen schwarze Waffenschurze, wo auch ein Wappen abgebildet war, das ich jedoch nicht erkannte. Das gleiche Wappen hielten einige auch als Banner an Lanzen. Die Krieger hatten die letzten Überlebenden des Dorfes zusammengetrieben. Hauptsächlich Frauen und Kinder, denn die meisten Männer lagen reglos in ihrem Blut. Die Krieger waren nicht alleine. Zwischen den Häusern stampften eine Vielzahl von anderen Kreaturen. Einige waren riesenhaft,
jedoch keine der Hügel- oder gar Feuerriesen. Diese Kreaturen sahen allesamt mißgestaltet aus. Einem wuchs ein dritter schlaffer Arm aus der Brust. Ein anderer hatte eine gewaltige Wolfsscharte am Kinn, andere gewaltige Eiterbeulen auf der Haut. Kleinere Kreaturen hatten die Wildschwein-Schädel von Orks, sahen aber größer und stärker aus. Wieder andere waren bestimmt drei Schritt groß, aber hager, mit langen krummen Nasen und einer Haut, die von Pilzen und Moos bewachsen war. Sie hatten Schwimmhäute zwischen den Fingern.
Ein Krieger zu Pferd rief durch seinen Vollhelm. Der Klang seiner Stimme war dumpf und hallte durch den Stahl: „Treibt sie zusammen verdammt nochmal! Bereitet den Abzug vor!“ Er ergriff ein Horn von seinem Gürtel und blies damit einen langen tiefen Ton. Halbohr starrte derweil durch die Palisaden, bis er sich plötzlich umdrehte und erstarrte. Irgendetwas schien er gesehen zu haben, doch hier am Waldrand konnte ich nicht erkennen was es war. Es dauerte etwas dann sah ich es auch. Aus dem Waldstück, gar nicht weit weg von uns, kamen weitere dieser Ork-ähnlichen Kreaturen. Sie trugen Umhänge aus Fell, in die sie Schilf zur Tarnung hineingesteckt hatten. Einer zielte mit einem Bogen auf Halbohr. Was aber viel schlimmer war: Der andere hatte schon ein Horn an den Mund angesetzt. Jetzt musste es schnell gehen, bevor Halbohr nicht nur sich selbst, sondern auch uns ins Verderben mitreißt. Bargh und Belkor hatten den gleichen Gedanken und sie spannten Bogen und Armbrust. Die Pfeile von Belkor trafen die Gestalt in den Rücken. Ich selbst bat Jiarlirae um Hilfe und sie schenkte mir Schatten, die sich um die Kehle der Kreatur schlangen und zudrückten. Sie sank tot zu Boden. Halbohr reagierte, aber zu spät. Der dumpfe Ton des Horns war zu hören. Die letzte Kreatur spurtete zu der Öffnung in dem Wall. Mit ihren Füßen flog sie förmlich über den sumpfigen Boden, während Halbohr immer wieder stecken blieb. Er schleuderte seine Dolche der Kreatur hinterher, die kurz vor der Öffnung blutüberströmt niedersank. Dann wieder die Stimme des Anführers: „Das Horn! Habt ihr es gehört?!“ Eine andere Stimme gesellte sich dazu. Leiser und heimtückischer. Mit einem Singsang wie eine Schlange: „Schickt sie herüber, Har’ryk!“ Der Anführer blickte die Riesen an und schickte sie nach draußen. Halbohr versuchte zwar noch die Leiche vor der Öffnung weg zu schaffen, doch er war zu langsam. Anstatt einen Umweg zu nehmen brachen die Riesen einfach eine weitere Öffnung durch den Wall und standen mit einem Mal direkt vor Halbohr. Für einen Moment trafen sich die ungläubigen Blicke und dann stürmten auch wir ins Gefecht.