Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea

Sitzung 166 - Der Hinterhalt

Die Sonne war kaum noch zu sehen, als wir uns im lichten Birkenwald niedergelassen hatten. Dennoch war es immer noch sehr warm. Die Luft war feucht und setzte sich auf den Moosen und Farnen zu kleinen Tropfen fest. Das junge Mädchen Kara hatte sich zu mir gesetzt und ich fing an ihr die einzelnen Buchstaben und Wörter zu erklären. Ich hatte mir dafür das Buch „Die Geheimnisse der Jägerskunst“ ausgesucht. Wenn sie schon etwas aus dem Buch verstand, wird es für sie sicher hilfreich sein. Doch der rot-blonde Haarschopf drehte sich immer nach hinten. Dort stand ihr Bruder Jorig vor Belkor. Der Söldner hatte seine grünlich schimmernde Klinge beiseitegelegt und stattdessen einen Stock in die Hand genommen. Damit ging er auf Jorig los. Der Junge sollte den Stock dann mit dem Langschwert parieren. Belkor verpasste ihm dabei den ein oder anderen blauen Fleck, aber Jorig war gierig und gab nicht auf. Kara grinste dabei, doch ich drehte ihren Kopf wieder ins Buch zurück. Ihre Geschicke sollten anderswo liegen.

Plötzlich erstarrte jeder in seinen Bewegungen, als von der Anhöhe des Waldes das Heulen von Kreaturen ertönte. Halbohr hockte auf den beiden zusammengewachsenen Bäumen, doch er zeigte nicht nur in Richtung des Heulens. Weitere Kreaturen näherten sich, jedoch leise und heimlich. Sie umzingelten uns. Schnell verschwanden die Kinder wieder in den Dimensionsbeutel und wir machten uns bereit. Gerade noch rechtzeitig, denn schon als wir uns positionierten sprangen aus der Dunkelheit des Waldes Kreaturen auf uns. Monströse Hunde tauchten im Licht des Feuers auf, die mir bestimmt bis zur Brust reichten. Über ihre Lefzen floss Geifer und der Gestank der verwesten letzten Beute kroch aus ihren Rachen. Die ersten warfen sich auf mich und versuchten mich zu Boden zu drücken. Ich konnte zwar ausweichen, dennoch spürte ich die Kraft der Pfoten auf meiner Brust. Doch meine Klinge war schneller, fast als ob sie ein Eigenleben hätte. Der Stahl schnitt dem ersten Hund die Kehle durch und dem zweiten den Bauch. Barghs Klinge Glimringshert flammte auf als er sie nach den Kreaturen hieb. Das kurze Licht der Flammen warf tiefe Schatten um uns herum als es in das Fleisch der Hunde schnitt. Auch Halbohr war nicht untätig, er schleuderte vom Baum seine Dolche nach den Kreaturen womit er auch eine erlegte. So töteten wir eine nach der anderen. Der Stahl von Belkors Schwert glühte grün auf, als er mit einem sauberen Schnitt einem der Hunde den Kopf abschnitt. Wir hielten kurz inne und lauschten in den Wald hinein. Halbohr sagte, er könne noch Geräusche weiterer Pfoten hören, doch sie entfernten sich. Kein Heulen war mehr zu hören. Fürs erste hatten wir sie vertrieben. Zufällig sah ich, dass all diese Kreaturen ein Brandmal auf der Stirn hatten. Ein Panzerhandschuh der drei Fackeln wie ein Kandelaber hielt. Es hatte Ähnlichkeiten mit dem Symbol, was die Anhänger dieses lächerlichen Gottes Torm benutzten. Aber auch irgendwie anders. Auch anders als die Krieger, die auf der Insel vor Dreistadt in den heiligen Flammen verbrannt sind. Ich musste kurz schmunzeln als ich das Bild vor mir sah, wie ich damals die Lunte anzündete und der Turm in Flammen aufging.

Die Nacht verging und die Hunde kamen nicht wieder. Bargh war siegessicher. So siegessicher, dass er den Rest des sauren Weins austrank. Auch Jorig trank, zu viel für seinen kleinen Magen. Nachdem er das Wenige, was er gegessen hatte, von sich gab, schlief der Junge ein.

Der nächste Morgen war wieder warm und schwül. Zum Glück regnete es nicht. Dafür kamen die Mücken und Bremsen wieder. Vor allem an Halbohr und Belkor hatten sie Gefallen gefunden. Dicke Flatschen waren auf ihrer Haut und beide fingen an sie aufzukratzen. Belkor sogar so stark, dass eine blutende Wunde entstand, die mit der Zeit eine ungesunde Färbung bekam. Ich beschloss während des Weges weiter nach Farnen zu suchen. Ich hoffte nur, dass ich etwas finden würde, um sie einzukochen. Unsere Füße sahen nicht besser aus. Durch das ständige Wasser hatten sich tiefe Mulden auf der Haut gebildet. Und ich musste laufen, konnte mich nicht wieder auf Barghs Pferd setzen, mussten wir es doch zurücklassen.

So folgten wir dem Pfad weiter Richtung Osten, wo ich mir sicher war, dass in dieser Richtung Westwacht lag. Mehrere Tage durch Dreck und Matsch. Bargh hätte ruhig etwas von dem Wein übriglassen können. Aber selbstsüchtig, wie er war, hatte er alles alleine leer getrunken. Dann würde ich ihm auch nichts von dem Kraut gegen die Mücken geben. Sollten sie ihn doch auffressen. Das hätte er dann davon. Und zum Überfluss fing es auch wieder an zu regnen. Hoffentlich lohnt sich unser Ziel das Halbohr vorgeschlagen hatte. Wenn es wieder nur einer seiner verrückten Pläne ist der nicht aufgeht werde ich ihn opfern müssen. Zum Glück wurde das Land flacher, aber immer noch nasser Moorboden.

Nach mehreren Tagen ermüdender Wanderungen durch ein sumpfiges Waldland hatte es angefangen zu regnen. Wir waren nicht schnell vorangekommen. Wir gingen querfeldein. Oftmals mussten wir kleinere Moorseen umgehen. Einen Weg oder eine Ortschaft hatten wir länger nicht bemerkt. Dann sahen wir hinter einer Kuppe im Wald eine Säule aus dunklem Rauch aufsteigen. Halbohr schlich alleine vor, um sich das anzuschauen. Als er schon fast nicht mehr zu sehen war, grinste Bargh mich an und fragte ob wir ihn alleine seinem Schicksal überlassen sollen. Ich grinste zurück und sagte: „Nein, lasst uns ihm folgen und zuschauen, wie er in sein eigenes Verderben rennt“. Das besserte meine Laune wieder etwas. Bargh mag ein Grobian sein, doch er weiß immer wieder mich aufzuheitern. Also folgten wir ihm und hatten ihn auch schon bald eingeholt. Er blickte ärgerlich zu uns, als Belkor mit seiner Rüstung alles andere als leise war. Irgendetwas murmelte er noch bevor er seinen Weg fortsetzte. Wir warteten auf der Kuppe und konnten unter uns ein Dorf sehen, das mit einem Palisadenwall umzogen war, der jedoch schon an einer Stelle die klaffende Öffnung eines Durchbruchs besaß. Der Rauch kam von den Häusern im Dorf. Die Torfdächer einiger Häuser standen in Flammen. Ich konnte das Wiehern von Pferden hören und das Schreien von Menschen.

Halbohr sah noch viel mehr. Er lugte durch die Lücken zwischen den Stämmen. Dort sah er einen Trupp von Kriegern. Sie trugen schwarze Waffenschurze, wo auch ein Wappen abgebildet war, das ich jedoch nicht erkannte. Das gleiche Wappen hielten einige auch als Banner an Lanzen. Die Krieger hatten die letzten Überlebenden des Dorfes zusammengetrieben. Hauptsächlich Frauen und Kinder, denn die meisten Männer lagen reglos in ihrem Blut. Die Krieger waren nicht alleine. Zwischen den Häusern stampften eine Vielzahl von anderen Kreaturen. Einige waren riesenhaft,
jedoch keine der Hügel- oder gar Feuerriesen. Diese Kreaturen sahen allesamt mißgestaltet aus. Einem wuchs ein dritter schlaffer Arm aus der Brust. Ein anderer hatte eine gewaltige Wolfsscharte am Kinn, andere gewaltige Eiterbeulen auf der Haut. Kleinere Kreaturen hatten die Wildschwein-Schädel von Orks, sahen aber größer und stärker aus. Wieder andere waren bestimmt drei Schritt groß, aber hager, mit langen krummen Nasen und einer Haut, die von Pilzen und Moos bewachsen war. Sie hatten Schwimmhäute zwischen den Fingern.

Ein Krieger zu Pferd rief durch seinen Vollhelm. Der Klang seiner Stimme war dumpf und hallte durch den Stahl: „Treibt sie zusammen verdammt nochmal! Bereitet den Abzug vor!“ Er ergriff ein Horn von seinem Gürtel und blies damit einen langen tiefen Ton. Halbohr starrte derweil durch die Palisaden, bis er sich plötzlich umdrehte und erstarrte. Irgendetwas schien er gesehen zu haben, doch hier am Waldrand konnte ich nicht erkennen was es war. Es dauerte etwas dann sah ich es auch. Aus dem Waldstück, gar nicht weit weg von uns, kamen weitere dieser Ork-ähnlichen Kreaturen. Sie trugen Umhänge aus Fell, in die sie Schilf zur Tarnung hineingesteckt hatten. Einer zielte mit einem Bogen auf Halbohr. Was aber viel schlimmer war: Der andere hatte schon ein Horn an den Mund angesetzt. Jetzt musste es schnell gehen, bevor Halbohr nicht nur sich selbst, sondern auch uns ins Verderben mitreißt. Bargh und Belkor hatten den gleichen Gedanken und sie spannten Bogen und Armbrust. Die Pfeile von Belkor trafen die Gestalt in den Rücken. Ich selbst bat Jiarlirae um Hilfe und sie schenkte mir Schatten, die sich um die Kehle der Kreatur schlangen und zudrückten. Sie sank tot zu Boden. Halbohr reagierte, aber zu spät. Der dumpfe Ton des Horns war zu hören. Die letzte Kreatur spurtete zu der Öffnung in dem Wall. Mit ihren Füßen flog sie förmlich über den sumpfigen Boden, während Halbohr immer wieder stecken blieb. Er schleuderte seine Dolche der Kreatur hinterher, die kurz vor der Öffnung blutüberströmt niedersank. Dann wieder die Stimme des Anführers: „Das Horn! Habt ihr es gehört?!“ Eine andere Stimme gesellte sich dazu. Leiser und heimtückischer. Mit einem Singsang wie eine Schlange: „Schickt sie herüber, Har’ryk!“ Der Anführer blickte die Riesen an und schickte sie nach draußen. Halbohr versuchte zwar noch die Leiche vor der Öffnung weg zu schaffen, doch er war zu langsam. Anstatt einen Umweg zu nehmen brachen die Riesen einfach eine weitere Öffnung durch den Wall und standen mit einem Mal direkt vor Halbohr. Für einen Moment trafen sich die ungläubigen Blicke und dann stürmten auch wir ins Gefecht.

Sitzung 167 - Ein Feind aus dem Sumpf

Als ich über die kleine Kuppe blickte, flossen mir die Regentropfen ins Gesicht. Im Zwielicht des verregneten Tages ging die Gestalt von Halbohr fast unter. Dennoch war es fast schon ein lustiger Anblick, als die kleine Gestalt von unserem Meister Halbohr den Kopf in den Nacken legte, um die Kreaturen der Riesen zu betrachten. Sie näherten sich durch das zweite Loch des hölzernen Walls. Die riesigen Eiterbeulen hatten sich teils in die Haut der Riesen verwachsen und sahen manchmal aus wie ein zweiter kleiner Kopf, der dort wucherte. Zwischen den Riesen huschten andere Kreaturen, die aussahen wie bleiche und viel größere Orks. Ein Teil hatte Halbohr schon erreicht, ein anderer Teil stürmte in unsere Richtung. Es kam mir vor, als würden sie über dem sumpfigen Boden schweben, während wir immer wieder dort einsanken. Auch die dritte Art der Kreaturen kam sehr schnell voran. Jene waren zwar groß, aber nicht so groß wie die Riesen. Sie ragten bestimmt drei Schritte hoch. Ihre hagere Gestalt, die lange krumme Nase und ihre moosbewachsene Haut erinnerten mich an die Troll-Kreaturen aus dem Unterreich. Ich wollte schauen, ob sie genauso die Flammen von Jiarlirae fürchteten. Also bat ich sie um ihre Macht und sie schenkte mir flammende Pfeile die ich auf eins dieser Wesen warf. Die Geschosse zogen eine Spur von Rauch hinter sich her, als sie in dem Leib einschlugen. Die Kreatur brüllte. Sie warf sich hin und her, als ihre Haut Feuer fing. Mit ihren schwarzen Augen betrachtete sie mit Entsetzen wie ihr Arm verbrannte. Sie fiel tot zu Boden und ich war zufrieden.

Halbohr war inzwischen eingekreist, doch Belkor kämpfte sich durch den Schlamm an seine Seite. Während Halbohr mit seinem Dolch Bauch und Hals der Orks aufschlitzte ließ Belkor seine grünlich schimmernde Klinge tanzen. Es war fast, als ob die Klinge ihr Eigenleben führte. Zielsicher nutzte der Stahl jede Gelegenheit, als die Riesen sich herabbeugten und fuhr mit schnellen und sauberen Schnitten durch die Nacken. Mehrfach konnte man ein Platschen hören als einer der missgestalteten Köpfe sich von seinem Körper trennte und in den Schlamm fiel. Zwei abgetrennte Schädel lagen schon im Schlamm, als ich Bargh in den Kampf folgte. Im dritten abgehackten Kopf war die Fratze von Erstaunen und Entsetzen im Tode festgefroren. Mit weit aufgerissenen Augen blickte ein missgestaltetes Gesicht gen Himmel. Belkor hingegen geriet in ein Träumen. Ich war mir sicher, dass er alles um sich herum vergaß und in seinen Gedanken gerade in einer Arena stand, wo die eingebildete Menge ihm zujubelte.

Nach und nach schnitten Säbel, Dolch und Schwert durch die Kreaturen. Einer der Trolle verlor dank der Klinge von Belkor ebenfalls seinen Kopf. Doch statt einfach nur im Schlamm liegen zu bleiben fletschte er weiter die Zähne. Der restliche Körper schlug blindlings und kopflos um sich und der Kopf selbst, der bestimmt fünf Schritt entfernt war schnappte nach Belkor und schob sich mit seinem Mund Stück für Stück in seine Richtung. Ich war im Kampffieber gefangen. Diese schwächlichen Missbildungen fielen auch vor meiner Klinge. Doch dann muss einer der Riesen irgendeinen hinterhältigen Kniff angewandt haben. Irgendwie verfehlte ich ihn. Schlimmer noch, ich rutschte im Schlamm aus. Als ich mit dem Kopf aufschlug, war für einen Moment alles dumpf und verschwommen. Erst danach spürte ich den scharfen Schmerz. Meine eigene Klinge hatte sich in meinen Arm gebohrt. Dieses hinterhältige Geschöpf würde dafür büßen müssen. Alle Freude am Kampf war vorbei – sie hatten sie mir genommen. Jetzt würden sie dafür leiden. Dennoch stockte ich für einen Augenblick, als ich zu der Kreatur herauf blickte, die ihre Fäuste schon erhoben hatte. Der Schlamm floss mir von meiner Stirn in die Augen und ich musste blinzeln. Doch es war bestimmt nur der Schlamm. Ich konnte vor diesen Kreaturen keine Angst haben, schließlich blickte Jiarlirae mir zu und ich durfte vor ihr keine Schwäche zeigen. Dann sah ich den Flammenschein von Glimringshert, wie es die Eingeweide des Riesen verbrannte. Dumpf krachend fiel auch dieser tot zu Boden und hinterließ dort eine große Kuhle.

Wir machten die letzten der Kreaturen nieder. Die Ritter versuchten noch sie anzustacheln, doch es half nichts. Die Ritter hielten sich im Hintergrund, was verdächtig war. Wir mussten zu ihnen, wir mussten wissen, wer sie waren und warum sie dieses Dorf angegriffen hatten. Also stürmten wir zu der Bresche. Kurz bevor wir sie erreichten, fing der nasse Boden an zu kochen und heraus schossen Flammen so hoch wie die Häuser. Ein Hexer! Jemand der töricht genug war, zu versuchen uns mit Flammen fern zu halten. Wussten sie denn immer noch nicht wer unsere Schritte lenkt? Diese Flammen waren ihr zu eigen und das sollten sowohl der Hexer, als auch die Ritter merken. Ich beschwor ihre Macht und durch sie konnte ich die Flammen im Keim ersticken. Die Bresche war wieder frei. Unser Sturm wurde fortgesetzt und wir sahen die Ritter, wie sie sich auf ihren Pferden versammelten und ihre Lanzen erhoben hatten. Das Banner des Panzerhandschuhes wehte, doch es sollte bald schon untergehen wie alle anderen auch. Ein Zischen war zu hören, als ob jemand mit der Zunge einer Schlange etwas rief: „Har’ryk, sie kommen! Tötet sie!“ Wunderbar, sie hatten Angst! Halbohr konnte das Zischen auch hören und er lief ihm entgegen, während wir anderen uns auf die Ritter stürzten. Schnell schleuderte ich kleine Kugeln aus Magma auf die Pferde. Die Tiere bäumten sich auf und warfen zwei der drei Ritter in den Dreck. Doch ein weiteres Mal erschrak ich, als um uns herum die Luft explodierte. Ein lauter Knall, blendendes Licht und der Gestank von Schwefel waren um uns herum. Doch auch der Ring mit der spiegelnden Fläche an meiner Hand glühte auf. Die Macht die dort aus der Welt der Würfel in ihm gefangen war, saugte die Explosion fast komplett auf und gleichzeitig hörte ich wieder ein Zischen aus den Häusern. Jetzt kein Befehl, sondern der Schrei von Schmerzen. Halbohr konnte es auch hören und rannte zu einem der Häuser.

Währenddessen warfen sich Belkor und Bargh in den Kampf mit den Rittern. Klingen und Schilder wurden geschwungen. Das helle Geräusch, als Stahl auf Stahl schlug. Und die Schreie, als unsere Waffen Haut, Muskeln und Knochen der Ritter durchschnitten. Es dauerte nicht lange und Har’ryk stand alleine in seinem und dem Blut seiner Soldaten. Belkor rief ihm zu: „Ergebt euch! Kniet euch nieder oder erleidet das gleiche Schicksal wie das eurer Untergebenen!“ Ein Blick zur Seite reichte Har’ryk schon um zu erkennen, dass er verloren war. Gehorsam warf er sein Schwert zu Boden und ließ sich auf die Knie sinken: „Ich ergebe mich. Ich hoffe, ihr steht zu eurem Wort.“

Bargh stellte sich vor ihn, um ihn zu befragen. Auch Halbohr kam wieder zurück, jedoch alleine. Er hatte die Kreatur kurz sehen können. Eine Gestalt wie ein Mischwesen zwischen Mensch und Schlange. War es so eine Kreatur die Neire als Menschenschlange bezeichnete? Nein, das konnte nicht sein. Ich glaubte nicht, dass dieses niedere Etwas jenes aus Neires Geschichten über Nebelheim darstellte. Es musste irgendetwas anderes sein. Doch wollte ich mir darüber keine Gedanken machen. Mein Arm schmerzte noch von dem Schnitt meines eigenen Säbels. Ich musste mich mit irgendetwas ablenken und dieser Har’ryk schien genau der richtige zu sein, für ein kleines Spiel. Ich brauchte auch nicht lange zu suchen. Während Bargh und Halbohr ihm Fragen stellten kam ich mit einem brennenden Pfahl zurück und lächelte Har’ryk an.

Halbohr zog Har’ryk den Helm aus und darunter kam eine verwahrloste Gestalt eines Mannes von mehr als 30 Wintern zum Vorschein. Eine Fahne von Alkohol und Schweiß wehte mir entgegen. Bargh fragte, wem er dienen würde und er antwortete, dass er in den Diensten einer Königin Avarild stehen würde, der angeblichen Herrscherin der Ödemark. Dort hatte sie eine Burg mit dem Namen Sigistrahar. Ich sagte ihm, ich würde kein Wort glauben. Das war natürlich nicht wahr. Es mochte gut sein, dass er wirklich einer Königin aus der Ödemark diente, aber ich wollte spielen. Bargh hielt seine Hand fest und langsam hielt ich den brennenden Pfahl darunter. Als die Haut rot wurde, biss er sich auf die Zähne und hielt stand. Dann begann die Haut die ersten Blasen zu werfen und sein Mund öffnete sich zu einem Schreien. Unter dem Geschrei stammelte er noch etwas, dass man sich an sein Wort halten solle. Er blickte fast schon sehnsüchtig zu Belkor dabei. Grinsend folgte ich seinem Blick und hielt das Feuer noch einige Momente unter seiner Hand. Als die Hitze weg war, keuchte er auf und betrachtete die verbrannte Haut. Jetzt durfte er wieder unsere Fragen beantworten, jedenfalls eine Zeit lang. Diese Königin muss sich wohl mit irgendeiner bösen Macht aus den Sümpfen eingelassen haben, so sagte Har’ryk es zumindest. Diese Macht soll der Königin diese Kreaturen geschenkt haben, auch diese Abnormität des Schlangenwesens. Es nannte das Wesen Zian’zassieth. Die Burg von Sigistrahar diente wohl früher einmal diesem lächerlichen Beschützer Gott Torm, doch hatte man ihm abgeschworen. Mehr noch, es gab richtigen Frevel gegen ihn. Diese Königin selbst soll sogar ihre eigene Großmutter in den Sümpfen wieder zum Leben erweckt haben, obwohl diese alte Sumpfhexe wohl schon etliche Winter dort verrottete, nachdem sie einst gepfählt und im Sumpf versenkt worden war. Schließlich sollte sich Königin Avarild sogar selbst in eine Schlange verwandeln wollen. Schon wieder waren da die Ähnlichkeiten zu den Geschichten von Neire. Auch Bargh bemerkte es, denn er fragte ob es in Sigistrahar auch Meisterschnitter geben würde, die mit scharfen Messen einen Körper verändern könnten. Doch Har’ryk blickte nur entsetzt und schüttelte den Kopf. Har’ryk selbst sei der Königin und auch ihrer Familie schon lange treu ergeben, obwohl man sehen konnte, dass ihm bei den Taten dieser angeblichen Königin unwohl war. Dennoch diente er ihr weiter treu, wie auch seine Eltern vor ihm. Weitere Ritter gäbe es wohl auch in Sigistrahar und um die Stadt darum, doch es scharten sich wohl auch weitere Kreaturen der Sümpfe dort. Und Sklaven, was wohl auch das Schicksal dieser Dorfbewohner sein sollte, weil sie ihre Steuern nicht bezahlen konnten.

Mir wurde wieder langweilig und ich wollte mit Har’ryk mein Spiel weiterspielen. Die Flammen küssten abermals seine Hand und er empfing sie mit weiteren Schreien. Ich sagte zu ihm: „Geht zu der Flagge eures Hauses. Die, die dort im Dreck liegt. Und wenn ihr dort seid, werdet ihr auf sie pinkeln!“ Trotz der Schmerzen blickte Har’ryk mich ungläubig an. Also hielt ich das Feuer etwas näher an seine Hand um ihn anzuspornen. Das half und wie ein treues Schaf ging er zu dem Wappen und urinierte darauf. Die anderen Dorfbewohner fingen trotz ihrer Angst an zu lachen. Da stimmte ich mit ein, zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte ihn laut aus. Dort stand er, der Ritter mit geöffnetem Plattenpanzer und herunter gelassener Hose. Belkor trat auch hervor. Ich glaube, langsam begann auch er eine gewisse Freude meiner Art von Spielen zu haben. Er blickte in die Runde der Dorfbewohner. Halbohr hatte sie schon befragt und keiner schien der Königin ergeben zu sein. Im Gegenteil, sie hatten ihr abgeschworen. Halbohr nutzte das natürlich, um sich wichtig zu tun. Er sagte er kenne ein Reich im Westen, wo es einen König Halbohr geben solle. Bargh grinste mich müde an. Natürlich musste er sich aufspielen, aber wenigstens schien seine Maskerade zu wirken und niemand erkannte ihn. Jetzt fragte Belkor die Menge: „Wer von euch will Rache üben? Sie haben eure Männer geschlachtet, eure Häuser verbrannt und wollten eure Kinder in den Sümpfen versenken.“ Erst gab es ein Raunen, dann vorsichtige Stimmen, dann hallten die Rufe: „Tötet Ihn!“. Belkor schaute zufrieden zu Har’ryk. Erschrocken stammelte der Ritter der Sumpfkönigin: „Ihr habt mir euer Wort gegeben! Ihr habt es gesagt!“ Doch Belkor antwortete nur: „Ich sagte euch, ich köpfe euch nicht, wie eure Soldaten.“ Dann trat er zur Seite und die Meute der Bewohner bekamen ihre Rache.

Sitzung 168 - Westwacht - Teil I

Halbohr postierte sich wie ein König, der er gerne mal sein wollte. Seine Gestalt hatte nicht viel mehr als ein Bettler, mit seiner stinkenden Kapuze und den dreckigen Laken, die sein halbes Gesicht bedeckten. Dennoch beobachtete er zufrieden die Meute der Frauen und Kinder, die sich um den Soldaten Har’ryk scharrten. Der fremde Ritter kniete auf den Boden, die Arme in Ketten gefesselt. Eine unheimliche Stille herrschte, nur untermalt vom Prasseln der Regentropfen und vom Knistern der Feuer, die noch in einigen Häusern wüteten. Blaue Augen starrten grübelnd aus seinem verwahrlosten Gesicht. Vielleicht überlegte er, wie er mit seinem Leben davonkommen könnte. Er versuchte der Menge zu drohen; die Leute daran zu erinnern, dass sie immer noch der Königin dienen würden. Bei einigen wenigen schienen diese Worte auch Wirkung zu zeigen, denn die Meute stockte etwas. Ein Junge hatte erkannt und verstanden, dass auch dieses Dorf jetzt Jiarlirae dient. Er ging in Har’ryks Rücken, in seiner Hand ein großer Hammer. Auch er hatte Furcht, doch überwand er sie und schleuderte den Hammer auf Har’ryk. Mit einem Krachen schlug das Werkzeug auf seine Rüstung und warf ihn nach vorne. Das war es, was die anderen brauchten. Die Meute näherte sich wieder mit Mistgabeln, Knüppeln, Stöcken oder was sie sonst noch finden konnten. Har’ryk hatte Furcht in den Augen: „Macht es nicht! Man wird euch die Haut vom Körper abziehen, euch lebendig verbrennen!“ Aber die Frauen sannen nach Rache. Die ersten Schläge trafen Har’ryk. Er wollte nicht aufgeben. Plötzlich sprang er nach vorne und schlang seine Ketten um einen Hals einer Frau. Er drückte zu während die anderen weiter auf ihn einschlugen. Ich konnte kaum noch etwas erkennen, hier und dort ein Blutspritzer und ein Ächzen. Sowohl die gewürgte Frau als auch Har’ryk verschwanden in einem Knäul von Hass.

Es dauerte nicht all zu lange. Der Mob beruhigte sich. An ihren Waffen klebten Stücke von Har’ryks Haut und Schädel. Dort wo er gelegen hatte, war von seinem Kopf nur noch ein matschiges Etwas übrig. Auch die Frau lag dort, von Har’ryk erwürgt. Ihre blonden Locken von Har’ryks Blut beschmutzt und ihr Kehlkopf bis zu den Knochen eingedrückt. Kara und Jorig durften dem Schauspiel auch zuschauen. Die beiden guckten fasziniert, aber ich wollte sicher gehen, dass sie nicht nur nach Blut lechzten. Ich erklärte ihnen, dass die Leute der Versuchung widerstanden Jiarlirae zu leugnen. „Was passiert mit den Bewohnern?“ fragte Kara. Hintergründig lächelnd antwortete ich: „Das wird unser Meister, ich meine natürlich unser König Halbohr entscheiden.“ Ich blickte zu ihm herüber, als er gerade mit dem Jungen sprach der mutig genug war, den ersten Schlag zu führen. Er glaubte wohl wirklich, dass er König sei. Aber er war auch nur eine Strohpuppe von etwas Größerem, größer als er es war.

Bargh rief uns zu sich, denn es war Zeit unsere nächsten Pläne zu besprechen. Entweder konnten wir zu der Burg Sigistrahar aufbrechen und dieser Königin unsere Aufwartung machen. Viele schwangen sich in diesen Zeiten zu Königen auf, sagte Halbohr. Die Grafschaften und Herzogtümer der einstigen Küstenlande wurden von Kriegen, Aufständen und Plagen heimgesucht. Wir könnten aufräumen. Oder wir setzen unseren Weg nach Westwacht fort. Der Besuch bei der Königin wäre ein Umweg und die Zeit drängte, war doch in Westwacht ein Anhänger unserer Göttin gefangen. Also sollte Westwacht unser Ziel sein. Sollte doch das Dorf selbst mit seinen Problemen zurechtkommen. Halbohr überließ dem Jungen, dessen Name Narhelm oder auch einfach nur Narhe war, was mit dem Dorf passieren sollte. Entweder machten sie sich auf den Weg nach Kusnir oder sie würden hier ihr Glück versuchen. Narhe hatte jetzt das Sagen.

Ohne große weitere Worte brachen wir wieder auf. Schon bald zuckten über den Himmel Blitze, dicht gefolgt von einem tiefen Donnergrollen. Das Gewitter hielt aber nicht die Insekten ab. Es war fast, als hätte es sich herumgesprochen, dass Halbohr und Belkor sehr schmackhafte Opfer darstellten. Weitere dicke Quaddeln gesellten sich zu den schon aufgekratzten Stellen. Was mich allerdings stutzig machte, waren die Schatten von gewaltigen Vögeln die immer mal wieder kurz in den Blitzen aufzuckten. Keine normalen Vögel und auch keine Greifvögel, wie sie Bargh aus Fürstenbad kannte. Bedrohlich kreisten sie über unsere Köpfe, kamen jedoch nicht näher. Also erstmal keine Gefahr für uns. Die Spuren von Froschfüßen sahen wir auch. Und nach zwei Tagen kamen auch Spuren von Menschen dazu. Unsere Stiefel stapften durch den nassen Boden und sie schmerzten. Es fühlte sich an, als ob ich bei jedem Schritt über kleine Nadeln gehen müsste. Meine beiden großen Zehen waren bereits taub. Wahrscheinlich waren meine Füße durch diesen verdammten Sumpf schon längst wieder aufgeweicht und wund. Weit und breit keine Seele zu sehen, nur Ungeziefer und Wild. Doch dann sahen wir am Horizont die Überreste einer alten Burg aufragen, zwischen die das silberne Band eines Flusses sich wand. Zumindest die beiden Türme waren noch übrig. Die Spuren, die wir fanden, führten darauf zu und Halbohr konnte Stimmen hören. Vorsichtig näherten wir uns durch das Gebüsch, was bei den massigen Gestalten von Belkor und Bargh schon fast lustig aussah. Die beiden Hünen versuchten in den Büscheln unterzutauchen. Es dauerte auch nicht lange, da hörten wir einen hellen Pfiff aus einem der Türme. Das Klappern von Kochgeschirr, das Halbohr vernommen hatte, erstarb mit einem Mal. Dafür ertönte ein Ruf: „Macht euch bereit! Sie kommen!“ Jetzt konnten wir auch gerade auf die zwei Türme zugehen. Als wir näher kamen stellte sich eine berüstete Gestalt in den zerfallenen Eingang. Der Fluss floss zwischen den beiden Türmen hindurch und eine alte, genauso verfallene Brücke überquerte ihn. Die Gestalt hatte schon einige Winter erlebt und Narben des Kampfes im sonnengebräunten Gesicht. Seine Hand ruhte auf seinem Schwertknauf. „Fremde? Ihr wollt den Fluss überqueren? Ich bin der Wächter dieses Turmes, er gehört mir.“ Ich konnte die Dreistigkeit in seinem Gesicht erkennen. Niemals war dieser Heckenritter ein Burgherr. „Er gehört mir und meinen Freunden. Und wer die Verdra überqueren will, der muss uns bezahlen, mit Gold.“ Ich dachte es mir: Nichts als Strauchdiebe! Dennoch sollten wir mit diesem Pack nicht unsere Zeit verschwenden. 25 Goldstücke wollte der Halunke, für jeden von uns. Bargh, dem Gold nicht viel ausmachte griff schon zu seinem Geldbeutel, doch Belkor war anderer Meinung. Belkor war nicht so groß wie Bargh, dennoch war seine Gestalt sicher furchterregend und hinterließ einen gewissen Eindruck. Auf 20 Goldstücke ließ er sich herunterhandeln, dafür dass wir die Verdra-Querung nehmen durften. Keiner von uns traute ihnen, erst recht nicht, als sie uns zu Speis und Trank einluden. Natürlich lehnten wir ab und überquerten die Verdra. In dem zweiten Turm am anderen Ufer standen weitere Krieger mit Bogenschützen, doch keiner traute sich seine Hand zu erheben.

Als wir unseren Weg fortsetzten begannen langsam kleinere Wäldchen voller Birken. Und wieder diese Froschspuren, dieses Mal aber ganz frisch. Auch konnten wir aus der Entfernung Geräusche hören, Stimmen wie von Unken, aber es waren Worte. Und dazwischen ein Stöhnen von Schmerzen. Wir kauerten uns niederer und beobachteten. Es war gegen Abend, als wir sie deutlich hören konnten. Eine gutturale Stimme schimpfte „Weiter! Weitergehen!“, dann wieder das Ächzen von Schmerzen. Sie kreuzten unseren Weg doch sahen und hörten uns nicht. Nach einiger Zeit waren die Geräusche im Unterholz verschwunden. Die Spuren die sie hinterließen waren dafür sehr deutlich. Ein Trupp dieser Froschfüße und menschliche Abdrücke, bestimmt ein halbes Dutzend mit bloßen Füßen. Vielleicht irgendeine Jagdgesellschaft auf der Suche nach Sklaven. Doch wen kümmert es schon, das Schicksal einiger Bauern. Wir hatten wichtigere Aufgaben.

In den nächsten Tagen wurde das Wetter trockener, dafür brannte die Sonne umso mehr auf uns herab. Wir konnten aus der Entfernung im Flimmern des heißen Bodens etwas aufragen sehen. Zuerst dachte ich es wäre irgendein Hügel, doch als wir näherkamen, sahen wir die Gebäude einer großen Stadt um die Erhebung. Ein rötlicher Schimmer lag darüber: Die gesamte Stadt war aus Sandstein erbaut. Eine große Stadtmauer umragte die Gebäude, die wir hier und dort darüber aufragen sahen. Aus Schornsteinen quoll ein fettiger Rauch. Die Stadt erstreckte sich über einen Hügel, auf dem wir schon aus der Entfernung die imposante Festungsburg sahen. Die Burg bedeckte die Spitze der Erhebung und war aus rost-rotem Gestein erbaut. Hier und dort schmiegte sich die Festung an schroffe Felsen. Westwacht war auch durch einen Wassergraben geschützt, der von außen um die Stadt herum gegraben war. Wir näherten uns und konnten vor der Stadt die Reste von Soldatenlagern erkennen. Hier und dort lagen noch einige Stämme auf denen vielleicht mal Wimpel hingen. Vor den Stadtmauern ragten hölzerne Balken mit Stricken auf, an deren Enden die verfaulten Überreste von Gestalten baumelten. Einige Krähen versuchten krächzend die letzten Fleischreste aus den Körpern heraus zu picken. Das musste also Westwacht sein und wir standen auf dem Schlachtfeld der Belagerung durch die Truppen der Armee von Vintersvakt.

Sitzung 168 - Westwacht - Teil II

Wir reihten uns in die Schlange der wenigen Händler ein, die durch das gewaltige geöffnete Tor der Stadt gingen. Ordensritter auf Kriegspferden blickten prüfend auf alle Passanten herab. Sie trugen das Banner der Stadt: Ein weißes Runenschwert neben einer roten Burg, alles auf einem grünen Hintergrund. Ich konnte noch einige alte, getrocknete Blutspritzer auf den Wimpeln erkennen und einige hatten große Risse. Bargh und Belkor gaben sich als Söldner aus Hornheim aus. Sie sagten, sie hätten Halbohr und mich auf dem Weg aufgelesen, als wir auf der Flucht vor dieser Königin Avarild waren. Argwöhnisch beäugte der Soldat die Ringe und Waffen die Halbohr und ich trugen, doch ließen sie uns passieren. Ein Wort der Warnung gaben sie uns noch mit, dass mit Spionen aus Vintersvakt in dieser Stadt kurzer Prozess gemacht würde.

Als wir die Stadtmauern passierten, war es, als ob wir in einen Ofen gelangten. Die Sonne brannte, doch konnte die Luft nirgendwo hin. Über allem lag der Schimmer roten Sandsteins. Ich glaubte fast, dass der steinerne Boden, teils Kopfsteinpflaster, teils Felsen, unter meinen Füßen glühte. Und das Schlimmste war die Masse an Menschen, die hier in den Straßen und Gassen zusammenpfercht war. Viele sahen erbärmlich aus, vor allem die Scharen von bettelnden Kindern, die jetzt um uns schwärmten wie Geier, die ein Festmahl witterten. Sie wollten nur das ein oder andere Kupferstück, aber ihre stinkenden, abgemagerten Körper waren mir zuwider. Sie würden nie stark werden, nicht wie Kara und Jorig, die schon vorher beschlossen hatten ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Halbohr gab einem der Kinder ein Silberstück dafür, dass es uns der Weg zu einem Gasthaus wies, den „Silbernen Stein“. Wir bahnten uns den Weg durch die Kinder und Bettler und folgten den Angaben des Jungen. Die Luft in der Stadt war stickig und heiß. Und es stank hier nach zu vielen Menschen. Selbst mein Gestank war nichts im Vergleich, obwohl ich schon gerne ein Badehaus aufsuchen wollte. Wir kamen an einem Gebäude vorbei, wo sie offenbar die Versehrten der Belagerung aufbewahrten. Nicht nur Bürger siechten dort vor sich hin, sondern auch Soldaten. Einigen fehlte ein Arm, einigen anderen ein Bein. Obwohl wir an der Straße vorbeigingen und das Gemurmel der Stadt allgegenwärtig war - wie ein Insektenschwarm - konnten wir das Klagen hören. Die darauffolgenden beschwichtigen Worte der Männer und Frauen in den Ordensmänteln der Stadt waren klar zu vernehmen.

Schließlich kamen wir zu einem größeren Platz, in den ansteigenden Hängen des Hügels. Hier stand ein Brunnen, auch aus diesem rötlichen Sandstein, wie anscheinend alles hier. Er wurde eingerahmt von zwei Steinstelen, an denen die Überreste von Gestalten aufgeknüpft an Seilen baumelten. Gegenüber stand ein größeres Gebäude aus dem zwei Türme ragten und ein Schild vor einer Türe, wo mit alten Schriftzeichen die Worte „Zum silbernen Stein“ geschrieben standen. Zwei Soldaten bewachten den Eingang, obwohl sie keinerlei Wappen oder Wimpel trugen. Die Kinderschar, oder vielleicht war es auch schon eine andere Schar, folgte uns nicht weiter. Die beiden Krieger mit ihren Kettenhemden machten wohl genug Eindruck auf sie. Oder sie wussten schon, dass es für sie den Aufwand nicht lohnen würde. Treppenstufen führten einige Schritte hinab in eine Art größeres Kellergewölbe. Die Luft hier war zwar auch stickig, aber zumindest etwas kühler. Eine etwas dickliche, ältere Frau mit blonden Locken war gerade dabei Tische mit Humpen und Schüsseln abzuräumen. Sie blickte dümmlich um sich und hatte ein lächerliches Grinsen im Gesicht. Die Augen der Frau standen viel zu eng zusammen. Es war nicht all zu voll, daher konnten wir uns an einen der freien Tische hinsetzen. Bargh dachte dabei nur an sich. Kaum saßen wir zog er seine Stiefel und Strümpfe aus. Der Gestank den er verbreitete war so stark, dass ich glaubte, dass mir kurz schwarz vor Augen wurde. Ich hustete, hielt mir die Nase zu, aber er regierte nicht sondern lehnte sich in einen Stuhl. Ich musste schon direkt auf seine Füße zeigen, bis er mit einem Grummeln nachgab und seine Füße zumindest vom Tisch runternahm. Dann kam wieder die dickliche Frau. Ich dachte zuerst, dass der Gestank mir wirklich die Sinne raubte, denn ich sah die Frau doppelt. Aber nein, es war wohl ihre Zwillingsschwester, mit dem gleichen rundlichen Gesicht, dem gleichen debilen Lächeln und diesen eng stehenden Augen. Die eine sagte ihr Name sei Reyda und die andere hieß Guntje. Guntje sagte auch ihr Name sei Guntje und ihre Schwester hieß Reyda. Und Reyda wiederholte es nochmals. Vielleicht schaffte ich es ja, dass die beiden in einer endlosen Vorstellung verbleiben. Aber Bargh unterbrach die beiden und wollte Humpen mit Bier haben. Er sagte, wie viele er haben wollte, doch die beiden blickten ihn nur verwirrt an. Ich hielt einfach nur vier Finger hoch, so viele Humpen sollten sie bringen.

So tranken wir und aßen. Das Bier war viel besser als der letzte Wein den wir getrunken haben. Aber ich glaube durch die Hitze stieg es mir viel schneller zu Kopfe als sonst. Bargh fragte die beiden nach einem Badehaus, wo auch immer er diesen Gedanken plötzlich herhatte. Aber die beiden kicherten nur, als ob ihnen diese Frage irgendwie peinlich wäre. Sie sagten, es gäbe so etwas ähnliches, aber ich dürfte dort nicht hin. Ich wollte schon aufspringen und den beiden erklären, dass ich kein kleines Mädchen bin, aber als sie den Namen des Badehauses sagten, Wiefesuhla, war mir klar warum sie kicherten. Es war eine etwas altertümliche Bezeichnung für Weibersuhle. Als ich Bargh das erklärte, lächelte er dreckig. Jetzt war auch ihm klar, wer dort verkehrte und warum. Später kamen noch weitere Gäste in den Raum. Darunter eine etwas dickere Frau von über 40 Wintern. Auf ihrer Wange prangerte die Narbe einer alten Brandwunde. Belkor winkte die Frau zu uns herüber. Sie stellte sich als Sweved Fornheim vor und sie hatte einen Laden hier in Westwacht, in der Weidenwiege. Dort verkaufte sie allerlei an Salben und Tinkturen, auch Salben die uns gegen die Plage der Insekten und das Brennen der Sonne helfen könnte. Belkor fragte ob sie eine Kräuterhexe sei, doch Sweved winkte direkt ab: „Eine Kräuterhexe? Nein, Hexen werden von den Weißschwertrittern gejagt und neben den Spionen und Verrätern aufgehangen oder Schlimmeres.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf als sie weitererzählte: „Eigentlich hat Westwacht eine lange Tradition in der Nutzung von besonderen Kräutern, doch die Weißschwertritter wollen dies vielleicht nicht wahrhaben. Die Ritter kommen aus dem Orumanischem Reich. Aber sie drücken auch manchmal das ein oder andere Auge zu. Dann sehen sie die Sachen nicht, die sie nicht sehen wollen. Aber dennoch wollen sie nicht, dass ihr besondere Pilze nehmt, die euch besondere Dinge sehen lassen. Dinge aus fremden Landen und fremden Welten, Welten voller Farbenmeeren und Klängen, von denen ihr noch nie gehört habt.“ Anscheinend war sie der Stadt nicht vollständig treu ergeben, zumindest nicht den Weißschwertrittern. Somit wäre sie vielleicht auch bereit etwas mehr zu erzählen, vielleicht auch etwas von einem gewissen Gefangenen aus einem anderen Land. Wenn wir das ein oder andere aus ihrem Laden kaufen und vielleicht noch eine Münze mehr springen lassen, würde sie bestimmt gesprächiger werden. Wir tranken weiter. Belkor versuchte mit Bargh mit zu halten. Ein sinnloses Unterfangen. Niemand übertraf Bargh im Trinken. Einzig Halbohr verdarb wie immer den Spaß, nur ab und zu nippte er an seinen Humpen während sogar vor mir schon der Vierte stand.

~

Ich wachte in meinem Zimmer auf. Mein Schädel brummte, als ich mich umblickte. Das Zimmer war nicht schlecht eingerichtet, aber als sich mein Kopf bewegte folgte mein Magen. Ganz langsam richtete ich mich auf. Es stank hier. Ich dachte, dass der Gestank der Stadt auch hier eindrang, aber ich selbst war es. Ich muss mich wohl mit meinen dreckigen Kleidern einfach so in das Bett gelegt haben. Die Laken mögen gestern noch weiß gewesen sein, jetzt waren sie mit meinem Dreck, dem Dreck des Moores, besudelt. Zum Glück stand auch ein Zuber mit Wasser im Raum. Der ganze Dreck musste runter von mir.

Ich ging wieder in den Schankraum, wo die anderen schon bei ihrem Frühstück waren. Auch Bargh und Belkor schienen Hämmer in ihren Köpfen zu schlagen, jedenfalls ihren Blicken nach zu urteilen. Nur Halbohr hatte nichts davon. Natürlich, woher auch. Erst vermieste er uns den Spaß und dann teilte er noch nicht einmal unser Leiden dieser Egoist. Ich beugte mich über mein Frühstück, als von draußen Rufe zu hören waren. Eine Menschenmenge schien sich zu versammeln und Jubelrufe waren zu hören: „Schaut! Schaut doch nur! Er ist es, er kommt zu uns herunter!“ Ich schaute verwundert zu Bargh, als das helle Kreischen eines Falken durch die Stadt hallte. Zumindest hörte es sich an wie ein Falke, aber wenn es einer war, musste er gigantisch groß sein. Wir traten nach außen und sahen gerade wie eine Vogelkreatur zur Landung ansetzte. Sie war noch größer als ein Pferd, sah aus wie ein Adler, aber mit schneeweißen Federn. Auf einem Sattel saß ein Ritter der zwei Runenäxte in einem breiten Panzergürtel stecken hatte. Sein Gesicht war durch einen Vollhelm verdeckt. Um seinen Oberkörper schmiegten sich die silbrig schimmernden Glieder eines Kettenhemdes. Weitere der Weißschwertritter stellten sich neben ihn, als er von seinem Reittier abstieg. Er zog seinen Helm aus und ein ziemlich junges Gesicht kam zum Vorschein. Ein sehr hübsches Gesicht. Eingerahmt von braunen Locken blickten zwei tiefblaue Augen in die Menge. Ein weiterer Ritter kam dazu und zog an einer Kette eine Gestalt hinter sich her. Die Gestalt war die eines Mannes in Lumpen. Er hatte eine schwere Zeit hinter sich, denn an seinem Körper sah man deutlich die Schnitte und Flecken von vielen Prügeln. Sein rechtes Auge war fast zugeschwollen. Der Reiter hob die Hand und das Raunen der Menge verstummte etwas: „Leute von Westwacht, ihr kennt meinen Namen. Ich, Adalrihi Stein, bin zu euch gekommen. Und ihr Leute wisst, was meine Position gegenüber Verrätern ist.“ Die Menge wurde wieder etwas lauter, einzelne Jubelrufe tönten hervor. „Der einäugige Gott toleriert keinen Verrat. Das Gesetz steht über allen und verlangt die Auslöschung alles Bösen. Die Belagerung ist zwar vorbei und wir haben gesiegt. Die Weißschwertritter, der Orden von Widrunar - wir haben gesiegt! Das Orumanische Reich hat gesiegt. Doch die Spione von Vintersvakt sind immer noch hier. Und das ist einer von ihnen!“ Sie zogen die Gestalt näher an den Brunnen heran. „Ihr kennt meine Haltung. Keine Gnade den Verrätern!“ Noch mehr Rufe aus der Menge: „Hängt ihn auf! Keine Gnade!“ Ein weiteres Seil wurde über den hoch aufragenden, schlanken Steinblock geworden und die Gestalt am Hals hochgezogen. Sie strampelte, sie röchelte und versuchte sich zu halten, doch das eigene Gewicht zog den Hals immer tiefer und damit auch die Schlinge immer fester. Nach und nach wurde das Strampeln weniger bis er nur noch ein vereinzeltes Zucken war. Dann war auch das nicht mehr. Zufrieden schaute Adalrihi wieder in die Menge: „Es ist vorbei. Geht wieder euren Arbeiten nach! Und bedenkt: Die Hand des Gesetzes, die Weißschwertritter… wir werden siegen. Das Orumanische Reich wird siegen, über alles Böse auf der Welt!“ Er stieg wieder in seinen Sattel und die Vogelkreatur schlug mit ihren mächtigen Schwingen. Ein-, zweimal, dann sprang sie in die Lüfte. Die Menge verteilte sich langsam und die Bewohner gingen wieder ihren Dinge nach.

Wir verließen den silbernen Stein und machten uns auf zur Weidenwiege und zu Sweved Fornheim. Der Stadtteil, wo ihr Laden aufgebaut war, war wesentlich schlechter. Sonst waren die Häuser aus Stein und hoch gebaut, hier waren sie wesentlich kleiner und sahen irgendwie etwas herunter gekommener aus. Wir kamen zu einer großen Trauerweide, die von kleineren Hütten umzingelt war. Selbst in diesem Stadtteil hatte der Anblick etwas Fremdartiges. Kein Stein, sondern Schilf und Lehm waren die Materialien. Die Händler hier hatten alles Mögliche an ihren Ständen aufgebahrt, Kräuter, Pilze, Salben, Wässerchen und andere Sachen. Wir sahen auch Sweved, die in ihrem Laden stand. Sie arbeitete zusammen mit einem jüngeren Mann, der ziemlich groß war und langes braunes Haar trug. Einige Narben verzierten seinen Hals und seine Arme. Sweved erkannte uns direkt und winkte uns zu sich. Und sie hatte, was ihr Angebot angeht, nicht gelogen. Sie hatte Salben gegen die Mücken, Salben gegen die Hitze und sogar etwas gegen die wunden Füße. Belkor interessierte sich vor allem für diese geheimnisvollen Pilze. Sweved wurde etwas leiser und zeigt ihm unter ihrem Ladentisch ein kleines Kästchen mit einem Pulver dort drin. Ich schnupperte kurz. Es schien irgendeine Mischung zu sein, nicht nur aus Pilzen sondern auch aus Kräutern, wobei ich nicht erkennen konnte was genau alles dort drin war. Es waren aber ziemlich viele. Und Sweved warnte Belkor: Er solle auf keinen Fall zu viel nehmen, nur eine Fingerspitze voll und die sich dann auf den Gaumen reiben. Viele Goldmünzen wechselten den Besitzer und Sweved schien zufrieden. Dann klimperte Bargh mit einem ganzen Säckchen voll. Etwas leiser fragte er Sweved nach einem Gefängnis in der Stadt. Die Augen Sweveds waren auf das Säckchen gerichtet und sie nickte. Es gibt wohl ein Gefängnis in Westwacht, gar nicht weit weg von hier. Sie nannte es Fengirsbann. Ein Turm, der aber im Wasser steht und angeblich auch nur durch das Wasser zu erreichen, ist im Stadtteil Myregorm. Und natürlich war es wohl auch von Weißschwertrittern bewacht. Flüsternd berichtete sie, dass dort auch Leute befragt wurden, wobei sie das Wort befragt deutlich bedrohlich betonte. Wenn also der Diener Jiarliraes noch lebte und gefangen gehalten wurde, musste er dort sein. Hoffentlich war er stark in seinem Glauben. Schwäche würde uns und Jiarlirae verraten.