Sitzung 147 - Der Tempel der Spinnengöttin
Der Tunnel in die Felswand eröffnete sich in die Dunkelheit. Das vielfarbige Dunkelfeuer der Adelshäuser der Sternenhalle war spärlich und schwach hier. Der Geruch von Erelhei-Cinlu war kaum mehr wahrnehmbar. Neire schlich sich alleine vor. Er betrachtete die Bildnisse, die als Fresken in den Stein des Ganges gehauen worden waren. Es waren die Abbildungen von schönen dunkelelfischen Körpern, die sich jedoch veränderten, je weiter er vordrang. Kaum mehr hörte der Jüngling das Rauschen des Schwarzwassers, das sie zuvor überschritten hatten. Ein Schauer lief über seinen Rücken, als er wieder die Bildnisse betrachtete. Die Körper hatten jetzt amorphe Konturen angenommen. Weibliche Oberkörper und Spinnenunterleiber. Sie waren in seltsamen, sodomitischen Liebesakten in den Stein geworfen. Einige kämpften, während andere sich in blutrünstigen Orgien begatteten oder sich gegenseitig verspeisten. Neire bewegte sich weiter. Er dachte an Nebelheim, an den Tempel des Jensehers. Er hörte noch die Stimmen von Bargh und Zussa in seinem Kopf nachhallen. Hastig blickte er sich um. Dort sah er seine Gefährten, die ein paar Dutzend Schritte hinter ihm gingen. Nach einiger Zeit vernahm er schwache Stimmen und Knirschen von Stiefeln auf Stein. Hinter einer Biegung kam Licht aus einer großen Höhle. Weißlicher Schein drang aus direkter Nähe des Eingangs, während aus der kolossalen Kaverne blutroter Schimmer strömte. Nachdem er sich weiter vorsichtig herangeschlichen hatte, konnte er Einzelheiten sehen. In der Mitte der Höhle, die bestimmt 1000 Schritt im Durchmesser bemaß, ragte eine schwarze Pyramide auf. Steinerne viereckige Geschosse erkannte er in der Dunkelheit, aus deren Fenstern das magische rötliche Licht hervorkam. Zu seiner Linken war ein schwarzer Turm in die Wand der Höhle eingelassen, dessen Mauern von krallenartigen Händen bedeckt waren. Aus den spitzen Fingern züngelten tausende kleiner silberner Flammen, die den Turm in ein geisterhaftes Licht warfen. Vor der ihm abgewandten Seite patrouillierten zwei dunkelelfische Wächter. Beide Frauen waren in Kettenhemden gehüllt und trugen schwere, geladene Armbrüste. Ihre weißen Haare standen ungekämmt und struppig unter ihren metallenen Hauben hervor. Neire sah ihre roten Augen in der Dunkelheit glühen. Es entgingen seinem scharfen Blick nicht die knöchernen Pfeifen, die sie in ihren Gürteln trugen. Er kniete sich nieder, beobachtete die beiden und lauschte den gedämpften Stimmen aus dem Inneren des Turmes: „Habt ihr die neuesten Gerüchte über Eilserv gehört? Keiner weiß etwas.“ Eine andere Frau antwortete. „Ahhh… es geschieht ihnen Recht. Sie haben sich gegen unsere hohe Herrin gewandt.“ Neire lauschte weiter dem Dialog. Als er Zussa und Bargh hinter der Biegung auftauchen sah, begann er sich zu bewegen. Sein Herz pochte, als er sich hinter eine der Dunkelelfinnen schlich. Er wartete, bis die beiden in andere Richtungen schauten. Dann stach er zu. Der Degen durchdrang den schwarzen Stahl der Kettenringe und die Frau ächzte auf. Wieder und wieder rammte er die Klinge in den Rücken. Bis er ihren blutenden Körper sanft zu Boden gleiten ließ. Dann stürzte er auf die andere Wache zu, die ihre Armbrust versuchte hochzureißen. Auch Bargh und Zussa sah er näherkommen. Doch bevor seine Mitstreiter ihn erreichten, hatte er auch die zweite Dunkelelfin getötet. Neire legte den Finger auf die Lippen und gemeinsam zogen sie die Leichen an den Turm. Das Gemurmel hatte nicht nachgelassen. Neire öffnete leise die Türe. Er horchte in das Innere und blickte in einen dunklen Raum, durch dessen Schießscharten das silberne Licht drang. An den Wänden standen Regale mit dunkel schimmernden Klingen und den Bolzen von Armbrüsten. Eine Treppe an der gegenüberliegenden Wand ging hinauf in das obere Gemach. Von dort hörte Neire plötzlich Rufe: „Daedra, Ryldia, was ist?“ Als keine Antwort kam, waren Schritte zu hören. Neire schlich sich an die Treppe und sah zwei weitere Wachen hinabsteigen. Die dunkelelfischen Frauen waren jünger. Eine hatte ihre grauen Haare mit einer Substanz zurückgestrichen, die im Licht ein regenbogenartiges Glänzen verursachte. Neire wartete auf seinen Augenblick. Dann stach er wieder aus dem Hinterhalt zu. Ein Aufächzen war zu hören und eine der beiden Frauen fing an zu schreien. „Alarm, wir werden angegriffen.“ Augenblicklich eilten ihm Zussa und Bargh zu Hilfe. Gemeinsam machten sie beide Wachen nieder. Dann stürmten sie hinauf in den oberen Raum. Hier standen mehrere Betten und die Schießscharten waren größer. Im silbernen Licht konnten sie einen Alkoven erkennen, in dem ein kleiner Altar der Spinnengöttin stand. Eine kindergroße marmorne Statue zeigte eine grimmige schöne Dunkelelfin, deren Beine in einem Gewühl von Spinnen verschwanden. Getrocknetes Blut befand sich am Körper und über den Spinnen. Es stellten sich ihnen drei dunkelelfische Frauen entgegen, die adamantene Streitkolben und Plattenpanzer trugen. Auf ihren Brustplatten war ein silbernes Spinnensymbol eingelassen. Neire sah Bargh die Klinge Glimringshert schwingen, aus der Magmaflammen schlugen. Er fühlte die Macht Jiarliraes, die heilige Sphäre der Dunkelheit um den Krieger. Der ersten Priesterin schlug Bargh das rechte Bein an der Hüfte ab. Das hasserfüllte Gesicht begann sich in Schmerz und Unglauben zu verzerren. Unbarmherzig griffen sie an. Ihre Gegnerrinnen kämpften bis zum Tod, der mit Jiarlirae an diesen Ort gekommen war. Neire spürte die Macht seiner Göttin und seine Furcht begann sich in Zuversicht zu wandeln, als er mit seinen treuen Gefährten Lobpreisungen auf seine Herrin murmelte.
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Vorsichtig und langsam bewegte sich Bargh durch den Säulengang. Schwarzer spiegelnder Marmor umgab ihn. Der Boden war von Spinnennetz-artigen Rissen durchzogen, von denen das Glühen eines blutroten Lichtes hervorging. Bargh vernahm nur seine eigenen Schritte und seinen Atem. Er vertraute Neire, der vor ihm und Zussa in den Hallen verschwunden war. Zuvor hatten sie die Leichen der Dunkelelfinnen des Wachturmes geplündert. Dann war Neire in Richtung des roten Lichtes der Pagoden-ähnlichen Pyramide viereckigen Grundrisses verschwunden. Er hatte den Eingang nach Gefahren ausspionieren wollen. Bargh und Zussa waren ihm wortlos gefolgt. Sie waren über die steinernen Stufen der Eingangstreppe gestiegen, die bereits von rotglühenden Rissen durchzogen waren. Dahinter hatten sie eine marmorne Halle mit zwei Altären durchquert. Bargh hatte auf einem Spinnenaltar einen Fleischklumpen eines Herzens gesehen, von dem ein Teil hinfort geschmolzen war. Neire hatte sich kurz gezeigt und ihnen den Weg gewiesen. So hatten sie die Säulenhalle verlassen, deren Ecken von Kandelabern weißer Kerzen erhellt worden waren. Sie waren auf einen großen Altarraum zugegangen, in dem sie ein Becken mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit hatten schimmern sehen. Über dem Becken hatte der riesige Leib einer Spinnenstatue gehangen, deren Oberkörper weibliche Formen gehabt hatte. Die Gestalt hatte menschliche Arme anstelle von Spinnenbeinen gehabt und hunderte rötlicher Augen hatten in ihrem Kopf gefunkelt. Der strenge Geruch von Weihrauch, Moder und Blut war zu vernehmen gewesen. Bargh hatte Zussa in seinem Schatten hinter sich gespürt und war weiter auf die Statue zugegangen. Sie hatten zwei seitliche Treppen passiert, von denen eine hinauf und eine andere hinabgeführt hatten. Dort waren sie von zwei adamantenen Spinnen angegriffen worden, deren Augen angefangen hatten rötlich zu glühen. Bargh hatte beide schnell und geräuschlos niedergemacht. Sie hatten danach einen Augenblick gewartet und gelauscht, jedoch war nichts zu hören gewesen. Dann waren sie weiter in Richtung des Bernsteinbrunnens geschlichen, über dem die grausame Kreatur gethront hatte. Bargh hatte das komplexe Wandgemälde eines Sternenhimmels betrachtet, das hinter dem Raum aufragte. Die Sterne hatten, wie an unsichtbaren Fäden aufgereiht, geschimmert und waren um eine mittige Dunkelheit angeordnet gewesen. Das Spiel aus Licht und Schatten hatte die Düsternis wie einen Eingang oder einen Tunnel ins Nichts wirken lassen. Bargh hatte sich weitergeschlichen, doch je näher er sich auf das Bildnis hinzubewegt hatte, desto höher war die Flüssigkeit des Bernsteinbrunnens gestiegen. Das war so lange weitergegangen, bis die gesamte Statue von bernsteinfarbener Flüssigkeit umgeben war. Dann hatte er das Geräusch gehört – wie das Knarzen einer Türe. Einen Augenblick später hatte eine dunkelelfische Stimme „Dort, ein Eindringling!“ gerufen. Bargh nickt Zussa zu und stürmte los. Vorbei an der Statue und in einen marmornen, rötlich glühenden Säulengang. Die Geräusche seiner schweren Panzerstiefel hallten in den Gewölben. Er sah die halbgeöffnete Tür und rammte sie auf. Dahinter erblickte er einen kleinen Wachraum mit nobler Einrichtung. Drei Gestalten mit weißen, langen Haaren, schlanken, vernarbten Gesichtern und aschgrauer Haut waren aufgesprungen. Die roten Augen der Frauen glühten vor Hass. Zwei trugen Säbel, die dritte ein Langschwert. Alle waren kleiner als Menschen und in noble Kettenhemden aus schwarzem Stahl gekleidet. Bargh bewegte sich auf die erste Gestalt und hieb zu mit seinem Schwert. Glrimringshert drang tief in die Schulter und bis zum Herz. Die heiligen Flammen verbrannten das Fleisch und die Lolth Dienerin hauchte augenblicklich ihr Leben aus. Auch Zussa und Neire griffen jetzt an. Schnell töteten sie die verbliebenen zwei Kriegerinnen. Doch aus einer weiteren Tür drangen drei neue. Bargh sah Zussa auf sie zu rennen. Die Priesterin und Hand der Flamme tötete eine Dunkelelfin. Dann verließ Zussa das Glück. Sie wurde von zwei Streichen getroffen, die tiefe Wunden auf Arm und Bein hinterließen. Bargh fluchte, dass er zu langsam gewesen war. Er stürzte um den Tisch und kam Zussa zur Hilfe. Dann tötete er die beiden Frauen. Keuchend, aber unverletzt blickte er zu Zussa hinab.
Sie hatte keinen Schmerz gespürt, als der schwarze Stahl durch ihr Fleisch geschnitten hatte. Jetzt vernahm sie ein dumpfes Pochen. Der Rausch des Kampfes war noch in ihr und Zussa blickte auf die toten Leiber. Bargh hatte sie übel zugerichtet mit Glimringshert. Einer Frau hatte er die Kehle durchschnitten, der anderen das Schwert durch die Brust gerammt. Plötzlich hörte Zussa eine Stimme neben sich und das besorgte, von gold-blonden Locken umgebene Gesicht Neires tauchte auf. Der Diamant seiner silbernen Krone funkelte mysteriös auf seiner Stirn. Er wischte ihr die Tränen von den Wangen, die dort still hinabgerollt waren und flüsterte. „Bereitet eure Gebete vor, Zussa und Bargh. Ich werde mich um eure Wunden kümmern. Sie sind tief.“ Erst jetzt blickte Zussa an sich hinab. Sie wollte für einen kurzen Augenblick weinen, als sie die Schnitte sah. Die Wunden reichten bis auf den Knochen hinab. Sie spürte einen Teil ihres Armes nicht mehr und konnte ihr linkes Bein kaum bewegen. Langsam fingen die Schnitte an zu brennen. Neire begann zu beten und sie konnte seine Macht spüren. Ihre Wunden begannen sich zu schließen. Sie selbst flehte ihre Göttin an, rezitierte die Nebelheimer Verse, die ihr Neire beigebracht hatte. Dann sprach Neire wieder. „Ich höre Schritte aus dem Gang. Macht euch bereit, denn sie kommen.“ Der Jüngling stülpte sich seinen Mantel über und seine Spuren verloren sich für ihre Augen. Zussa bewegte sich mit Bargh zur Tür. Dorthin, wo sie hergekommen waren. Jetzt hörte auch sie die dunkelelfischen Stimmen, die durch das Gewölbe mit dem Bernsteinbrunnen hallten. „Ihr dort… vorwärts. Die Tür zum Wachraum.“ Es dauerte nicht lange, dann sah sie zwei dunkelelfische Wachen auftauchen. Beide wurden von Neire aus dem Hinterhalt angegriffen. Bei einer der Frauen fraß sich der grüne Dämonenstahl in die Hüfte. Schmerzensschreie erfüllten den Tempel, als die Säure in Windeseile den Hüftknochen freilegte. Die andere Dunkelelfin stach Neire von hinten nieder. Bargh wartete vor Tür. Als zwei weitere Kriegerinnen erschienen zuckte die schwarze Klinge des Antipaladins durch die Luft. Mit einem Hieb spaltete er den Schädel und Hirnmasse spritzte in alle Richtungen davon. Mit mehreren Schlägen tötete er auch die zweite Gestalt. Zussa sah Bargh durch die Tür stürmen. Neire folgte ihm. Sie selbst ging einen Schritt nach vorn, um die Situation zu überblicken. Im Säulengang, der auf den Bernsteinbrunnen zuführte, waren drei weitere Wachsoldaten erschienen, von denen eine Dunkelelfin eine Armbrust trug. Die drei Frauen musterten Bargh mit vorsichtigen, aber hasserfüllten Augen. Dann war der Schatten von Neire bei ihnen und der Jüngling ermordete hinterrücks eine Kriegerin. Die Blicke wandelten sich in Furcht, als Bargh, der fast die doppelte Größe der Dunkelelfinnen hatte, sie bedrängte. Einer Kriegerin im Kettenhemd schlitzte er den Bauch auf. In ihrem Grauen versuchte die Frau sich die Gedärme in den Bauch zu stopfen, doch die Masse fiel platschend zu Boden. Die Armbrustschützin erhob tapfer ihre Waffe und feuerte. Der Bolzen wurde von Barghs Schild abgelenkt und so tötete er auch sie. Zussa verharrte in der Tür. Sie betrachtete ihre Kameraden, wie sie die Leichen in Richtung der Kammer zogen. Dann wirkte sie ihren Heilzauber. Sie spürte die Macht von Jiarlirae, hörte auf die Gebete, die sie murmelte. Wie durch ein Wunder schlossen sich ihre Wunden. Rötliche Flammen und Schatten tanzten vor ihren Augen. Dann weckte sie Neires Stimme aus ihrem Tagtraum von Macht. „Ich höre weitere Stimmen aus den Hallen. Sie wissen, dass wir hier sind. Sie verlangen nach Pellanistra und nach Charinida. Sie verlangen nach dem Segen ihrer Spinnenherrin.“