Wie kann/darf/sollte/muss man (s)einen Charakter spielen?

(Fortsetzung aus dem vorherigen Thread)

“Weil ich es kann” und “weil Baum” sind keine Erklärungen eines Verhaltens, sondern trotziges Nichtbeantworten der Frage (kein Angriff gegen @Feuertraum ; es geht ja um den Spieler, der hypothetisch so antworten würde).

Das ist eher der Beweggrund: Der Spieler ist seinem Charakter verhaftet; sprich: Er will nicht, dass sein Charakter herumgeschubst wird, weil das gegen sein Konzept geht. Die Lösung nach Rücksprache mit dem Spieler könnte also sein, die Szene auf eine Weise zu spielen, in der die Integrität beider Charaktere gewahrt bleibt.
z.B.: Dein Charakter geht auf 180 (so stellst du ihn dir schließlich vor) und stapft pöbelnd und gewaltbereit auf den anderen zu; der lässt sich davon nicht beeindrucken und pöbelt zurück (so stellt er sich seinen Charakter vor). Die anderen Gäste suchen bereits das Weite, weil die gegenseitigen Drohungen immer weiter eskalieren, dann starren sich die beiden Badasses einen Moment lang schweigend an; der zornige Gesichtsausdruck weicht allmählich einem von Respekt; die beiden brechen in schallendes Gelächter aus und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Charaktere zusammengeführt, Badass-Status bewahrt, kein Knatsch zwischen den Spielenden.

Ja, ganz genau das war meine Absicht. Den Mitspieler um Erlaubnis zu fragen, bevor ich etwas mit seinem Charakter mache, das er als übergriffig empfinden könnte! Ich wollte, dass der Mitspieler das ablehnen kann; und hätte er das getan, hätte ich meinen Charakter auf eine andere Art ausgespielt. z.B. als “Ich sollte mir den Schwächling einfach mit Magie gefügig machen, aber das könnten mir die anderen übel nehmen, und ich brauche sie noch als Werkzeuge in meinen Plänen.” Ihm darüber die Macht zu geben ist kein Nachteil, sondern genau der Sinn der Sache!

Bei deiner Argumentation bekomme ich irgendwie den Eindruck, Rollenspiel sei ein Gegeneinander, bei dem niemand dem anderen zuviel Macht und Einfluss geben will; denn die könnte er ja gegen einen selbst einsetzen. Ich persönlich würde in so einer Gruppe nicht spielen wollen; der Spielspaß der Mitspielenden sollte IMO jedem am Tisch wichtig sein.

Warum spielt man einen Charakter, der sich darüber definiert, dass er der Gruppe nicht hilft? Im Standardparadigma einer Rollenspielgruppe “umherziehende Abenteurer” kann das IMO nicht funktionieren, es sei denn man findet Wege, Ausnahmen zu machen (wie du es in der Situation getan hast) oder den Charakter auf Dauer weiterzuentwickeln.
In der Fiktion gibt es dafür viele gute Beispiele; ein klassisches ist Han Solo, der sich im ersten Star Wars-Film darüber definiert, dass er nur an seinem eigenen Vorteil interessiert ist. Was macht er am Ende des Films? Er kommt völlig uneigennützig zurück und rettet Luke den A***h. In den folgenden Filmen kämpft er dann weiter auf der Seite der Rebellen. Völlig Out of Character? Hat die Figur sich verbogen und verraten? Nein, sie hat sich einfach weiterentwickelt.

Das Problem ist ja nicht, dass die Charaktere miteinander im Konflikt liegen. (Das kann, wenn es so abgesprochen ist, großen Spaß machen.) Das Problem ist, dass es zu einem Konflikt zwischen den Spielenden wird, wenn man nicht miteinander bespricht, wie man solche Situationen als Gruppe händeln will.
Der Vergleich mit einem Autoren hinkt insofern IMO; denn es gibt beim Rollenspiel nicht den einen Autoren. Eher sowas wie den “Writers’ Room” einer Fernsehserie. Und da wird sicher keiner der einzelnen Autoren einfach sagen: Charakter X macht aber bei der Handlung dieser Folge nicht mit, weil ich ihn mir so nicht vorstelle, und da gibt es jetzt auch keine Diskussion drüber. Stattdessen würde man den Einwand diskutieren und gemeinsam zu einer Lösung finden, und das ist ja alles, für dass ich plädiere.

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